Die Ohnmacht gegenüber dem schleichenden Super-GAU. Eine Zwischenbilanz

26.03.2011 |  Von  |  Weltgeschehen
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Die Lage des havarierten Atomkraftwerks in Fukushima spitzt sich dramatisch zu. Mittlerweile macht sich Hoffnungs- und Ratlosigkeit breit.

Die Strahlenbelastung des Meerwassers am Schrottmeiler erreicht einen drastischen Höchstwert: Das festgestellte radioaktive Jod übersteigt den zulässigen Grenzwert um das 1250fache. Inzwischen sind 17 Arbeiter verstrahlt worden – sie standen in radioaktivem Wasser, das in drei der sechs Reaktoren vorgefunden wurde.

Die Rettungsarbeiten kommen ins Stocken, Arbeiter werden wegen der gefährlichen Strahlung abgezogen. Die Kühlung der Brennstäbe in Block 3 ist wegen zu hoher Strahlung praktisch eingestellt worden. Der Reaktor 3 enthält das extrem gefährliche Plutoniumoxid als Nuklearbrennstoff – seine zerstörerische Wirkung entfaltet Plutonium-239 vor allem, wenn es eingeatmet oder per Nahrung aufgenommen wird. Eine schwarze Wolke über der Atomruine zeugt von den bedrohlichen Vorgängen im Inneren der Anlage.

Die dramatischen Ereignisse lassen nur den Schluss zu: Der atomare Super-GAU ist längst im Gange! Schleichend.

Dennoch lavieren Japans Regierungs- und Behördenvertreter weiter herum. Und dennoch ordnet die internationale Atomenergiebehörde INES den Katastrophenfall immer noch auf Stufe 5 ein – und nicht auf der höchsten Stufe 7.

Was tat Japan bislang gegen die Atomkatastrophe?

Es fragt sich, rückblickend am Tag 16 nach Beginn der Atomkatastrophe, was die japanischen Behörden zur Bewältigung des Unglücks bislang getan haben. Die Antwort: Offenbar nicht das zur Katastrophenabwehr Notwendige. Nicht souveränes Handeln ist zu beobachten, sondern vielmehr hilfloses Agieren in einer ausser Kontrolle geratenen Situation. Betreten stellt man fest, dass es einen tragfähigen Notfallplan offenbar nie gegeben hat.

Den Bildern der japanischen Katastropheneinsätze haftet durchaus etwas Skurriles an: Feuerwehrautos, die ausrücken, als ginge es darum, einen Hausbrand zu löschen, und nicht darum, eine atomare Katastrophe zu verhindern. Feuerwehrleute, die Wasser auf die Atomanlage spritzen. Also „Wasser marsch“ gegen den Super-GAU?! Es drängt sich der Eindruck einer Verzweiflungstat auf. Dass der Effekt der Kühlung, wie sich herausstellt, kaum oder nicht gegeben ist, überrascht nicht, zumal das Wasser von aussen das heisse Innere gar nicht erreicht. Nicht besser, vermutlich schlimmer, wird die Situation dadurch, dass inzwischen Meerwasser in die Anlage gepumpt wird. Die fatale Folge: Tonnen von Salz haben sich mittlerweile an den Brennstäben angelagert, deren Kühlung so vielleicht sogar unmöglich gemacht wird.

Vorher/Nachher-Darstellung des Reaktorgebäudes von Block 1 (Computergrafik)(Urheber: Nesnad - Wikimedia Commons)

Vorher/Nachher-Darstellung des Reaktorgebäudes von Block 1 (Computergrafik)(Urheber: Nesnad – Wikimedia Commons)

Vollständig wird die Verunsicherung durch das Lavieren der japanischen Regierungs- und Behördenvertreter, die Sätze äussern wie (O-Ton): „Im Moment versuchen wir herauszufinden, wie das hoch radioaktive Wasser ins äussere Reaktorgebäude gelangen konnte und wo genau es herkommt….“  Während der Tanker sinkt, wird also noch das Leck gesucht – nein, wird sogar die Frage erörtert, ob es überhaupt ein Leck gibt. Dabei wäre längst entschlosseneres Handeln nötig.

Tschernobyl und Fukushima

Man halte einmal dagegen die Massnahmen, die 1986 bei der Atomkatastrophe von Tschernobyl ergriffen wurden. Beide Situationen sind insofern unterschiedlich, als dass in Tschernobyl NACH dem Super-GAU gehandelt werden musste, während es in Fukushima darum geht, einen schleichenden Super-GAU noch irgendwie zu stoppen. Bei Japan kommt hinzu, dass das Land durch Erdbeben und Tsunami gleich mehrfach getroffen ist, was die japanischen Einsatzkräfte zusätzlich schwächt.

Damals schickte die Sowjetunion 500’000 Menschen (darunter 100’000 Soldaten) zwangsweise in die nukleare Hölle. Diese so genannten „Liquidatoren“ errichteten als Schutzschirm gegen die tödliche Strahlung um die Atomruine herum einen Sarkophag aus Beton und Sand. Für die häufig jungen Einsatzkräfte war dies ein Todeskommando. Wie viele gesundheitlich geschädigt oder getötet wurden, ist bis heute unklar.

Das diktatorische Regime der UdSSR zwang also kaltblütig Massen an Menschen dazu, sich für den Kampf gegen die atomare Katastrophe zu opfern. Für ein demokratisches System verbietet sich dies selbstverständlich. Das teuflische Dilemma ist damit aber nicht aus der Welt: Dass sich nämlich die Katastrophe wahrscheinlich nur unter hohen Opfern beherrschen lassen wird. Zynischerweise müsste nun darauf gebaut werden, dass sich die Menschen freiwillig opfern. Die japanischen Rettungskräfte tun es bereits – sofern nicht auch hier Druck und Zwang im Hintergrund herrschen, worauf Informationen hindeuten.

Am Ende bleibt nur, vage zu hoffen: Hoffen auf günstige Winde, die die atomaren Wolken in den Pazifischen Ozean und nicht Richtung Tokio treiben. Hoffen, dass trotz Kernschmelze die Reaktorhülle noch irgendwie Schutz bietet. Hoffen auf todesmutige Einsatzkräfte. Hoffen auf rettende Massnahmen, die bisher nicht stattgefunden haben.

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