Devisenaffäre: Informant versuchte Selbstmord – jetzt erste Erklärung per E-Mail

Devisenaffäre: Informant versuchte Selbstmord - jetzt erste Erklärung per E-Mail

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UPDATE zum nachfolgenden Bericht: Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand liess heute um 14 Uhr 30 aufgrund der Devisenaffäre völlig überraschend seinen Rücktritt vom Amt bekanntgeben.

Der Informant in der Devisenaffäre rund um SNB-Chef Hildebrand wandte sich erstmals in einer E-Mail an die Schweizer Presse.

Der 39-jährige Informatiker soll laut Medienberichten ausserdem einen Selbstmordversuch unternommen haben. Bis Freitag befand er sich noch in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Thurgauer Kantonsspitals Münsterlingen.

Reto T., ehemaliger Angestellter bei der Zürcher Sarasin-Filiale, wird beschuldigt, Bankdaten entwendet zu haben, die Insidergeschäfte durch die Familie des Nationalbankchefs belegen sollen. Anfang Januar hatte sich der mutmassliche Datendieb selbst angezeigt. Daraufhin verfügte die Bank seine Entlassung und stellte gegen ihn sowie unbekannte Dritte Strafanzeige wegen Verletzung der Bankgesetze.

Informant bedauert die Ausweitung zur Affäre

Die „unkontrollierbaren Ereignisse der letzten Woche“ habe er so nicht gewollt, wird Reto T. im „Sonntagsblick“ zitiert. Es sei niemals seine Absicht gewesen, dass die von ihm kopierten Bankunterlagen an die Medien gelangen. Der ehemalige Sarasin-Mitarbeiter gibt in seinem Schreiben zudem Hinweise auf die Mitwirkung Dritter. „Ich hatte in der Bank nicht nur direkten Zugriff auf die Daten, sondern sie wurden mir von den andern Leuten mitgeteilt.“

Über SNB-Chef Philipp Hildebrand äussert sich Reto T. einerseits kritisch: „Gegebenfalls spekulierte er (mit Devisen) und das verträgt sich schlecht mit seinem Amt als SNB-Chef und dem Stil, wie er lebt.“ Andererseits lehnt er einen Rücktritt Hildebrands ab. Er solle eine zweite Chance erhalten, die Vorverurteilung tue ihm leid.

Reto T. kommentiert auch sein gebrochenes Verhältnis zum Anwalt Hermann Lei (SVP), an den er sich mit den Bankdaten gewendet hatte. Nach einem arrangierten Treffen mit SVP-Chefstratege Christoph Blocher soll der Anwalt die Geschichte schliesslich an die Presse weitergegeben haben – ohne ausdrückliche Zustimmung von Reto T.

Der Informatiker sieht darin einen Bruch des Vertrauensverhältnisses durch seinen langjährigen Freund. „Ich bedauere das sehr, er zerstörte mit dieser unüberlegten Vorgehensweise meine Existenz und gefährdete eventuell auch seine“, so Reto T.

Heikle Devisentransaktionen auf dem Konto des SNB-Chefs

Das E-Mail-Schreiben von Reto T. wirft ein interessantes Schlaglicht auf die Devisenaffäre, bringt aber nicht vollends Licht ins Dunkle. Fakt ist: Parallel zu wichtigen SNB-Wechselkurs-Entscheidungen wurden auf dem Konto von Philipp Hildebrand private Devisentransaktionen getätigt. Stein des Anstosses ist dabei eine heikle Dollar-Transaktion vom 15. August.

Hildebrands Ehefrau gibt an, den Kauf von rund 500’000 US-Dollar selbstständig und ohne Wissen ihres Mannes beauftragt zu haben. Hildebrand erfuhr nach eigenen Angaben erst einen Tag später vom Kaufgeschäft seiner Frau. Der „SonntagsZeitung“ liegt ein E-Mail-Verkehr vor, der zu bestätigen scheint, dass der Auftrag zu dieser Transaktion tatsächlich von Hildebrands Ehefrau und nicht von ihm selbst stammte.

Die Dimensionen der Devisenaffäre sind beachtlich. Hinter dem Banken-Skandal steht auch ein politischer Skandal, in den neben Christoph Blocher weitere SVP-Politiker verstrickt sind. Der Vorwurf lautet, dass von politischer Seite versucht wird, mit gestohlenen Bankdaten unliebsame Gegner abzusägen. Aber auch von einem Medien-Skandal rund um die SVP-nahe „Weltwoche“ ist die Rede. So wirft der Ex-Staatsanwalt und Mafiajäger Paolo Bernasconi dem Blatt in der „SonntagsZeitung“ Hetzjournalismus vor. Er fordert aufgrund verzerrter Berichterstattung im Fall Hildebrand eine strafrechtliche Verfolgung wegen falscher Anschuldigung und Nötigung zum Rücktritt.

 

Titelbild: Adrian Michael / Wikimedia / CC

 

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